Die deutschen Pop-Intellektuellen und ihr seltsames Schweigen - und ihre noch seltsameren Texte - über das Phänomen “Pussy Riot” :

"Alles was ich will ist nur die Regierung stürzen!" oder

"Ein Männlein steht im Walde."

Schön, dass die Freundinnen der Nacht am Ende dieses traurigen Tages, an dem drei Mitglieder der feministischen Punkband „Pussy Riot“ von einem russischen Gericht für schuldig befunden und zu zwei Jahren Straflagern verurteilt wurden, und an dem außerdem mal wieder russische Oppositionelle festgenommen wurden - doch noch was zu lachen hatten!

Auch weil sie seit mehreren Wochen und Monaten das seltsame Schweigen der deutschen Pop und Punk -Intellektuellen, und deren noch seltsamere, seltene Artikel zum Phänomen “Pussy Riot” mit zunehmendem Erstaunen beobachten:

Georg Diez erklärt nämlich „die Erotik der Revolution“ - und die Riot Grrrl Bewegung noch dazu - in seiner Spiegel-Online-Kolumne.

"Schon damals benutzten sie die Zeichen eines Sexismus, den sie zu ihren Zwecken umdrehten. Sie waren ja Puppen, die sprechen konnten und mehr oder weniger gut singen - sie waren zierliche, niedliche Spielzeuge, mit schönen Busen, den die Kleider betonten, mit nackten Schultern und nackten Beinen: Schaut her, ihr traurigen, russischen Frauen, schien dieses Kostüm zu sagen, wollt ihr wirklich so dumm sein, wie ihr ausseht?" 

(das, und noch viel mehr Quatsch, schreibt Georg Diez.)

Endlich wissen die Freundinnen der Nacht nämlich, was Georg Diez & die anderen Cocks wirklich seit Jahren denken (und nicht denken), und wollen: Alles, was Frauen machen, und alles, was sie haben (zum Beispiel einen sogenannten “schönen Busen”) auf sich beziehen.

Pussy Riot ist kein Nacktprotest, meine Herren, auch wenn Georg Diez in Gedanken die “schöne Revolutionärin” scheinbar schon mal probehalber ausgezogen hat (was man ihm gönnen möchte. Die Gedanken sind schließlich frei. Aber muss er seine persönlichen Masturbationsfanatasien auch gleich auf alle Männer* übertragen und in einer Spiegel-Titelgeschichte äußern).

Wenn sich unter Nadeschda Tolokonnikowas T-Shirt ein Busen abzeichnet, dann ist das weniger eine sexy Provokation, als vielmehr ihr Körper. Sie darf noch einen revolutionären Spruch auf ihrem T-Shirt tragen, ohne dass irgendwer diesen Auftritt als Zeichen für Sexismus (!!) deutet. Will sagen: sie darf noch ein T-Shirt mit einer revolutionären Durchhalteparole tragen.

Wenn eine politische Gefangene also ein T-Shirt trägt, wie es Menschen im Sommer zu tun pflegen ( noch dazu, wenn man bedenkt, wie heiß es wohl ist, in diesem Glaskäfig) so glauben der Georg Diez & Seinesgleichen sogleich, dieser Frauen*-Körper sei eine Ansage an sie – und jetzt kommt`s: ein Zeichen gar für Sexismus! Hahaha.

In Wirklichkeit ist das eine Projektion von Dietz & Co. Weil sie selber sexistisch denken, werten sie einen Busen, der sich unter einem T-Shirt abzeichnet, bereits als Zeichen für Sexismus. Aber was sagen sie damit wirklich? Der Frauen*-Körper ist per se ein Ärgernis, ein Leuchtschild, eine Aussage. Ist nicht einfach ein Menschenkörper, der da ist, weil er lebt - und jetzt begreifen sie nicht, dass genau dieser Blick der Sexismus ist.

Hat sich schon mal jemand überlegt, wie der Schwanz in der Jeanshose eines männlichen revolutionären Avantgardisten lag? Ob sich da etwas wölbte? Hat es einen solchen Diskurs in der Geschichte der politischen Reportage je gegeben? Noch nicht mal als Satire würde so was taugen. Geschweige denn als Sartre. Und, jetzt mal „Revolutionär“ beiseite:

Was sagt die schwarze Hipsterbrille von Georg Diez aus über seine Schwanzlänge, seine Argumentation und über seine Situation?

Sie wollen uns erzählen: Der Mann ist das Wesen, das gilt. Die Frau ist erst mal „die Frau“ (“das Mädel”), das Wesen, das angestarrt wird. Der Mann ist der, der zählt, die Frau ist die, die durch ihr Aussehen ins Gerede kommt, der Blick des Mannes konstituiert sie (glaubt “der Mann”); ganz egal, welche sachlichen Argumente und Aktionen sie bereits ins Spiel gebracht hat. Ganz egal ob sie sich genau gegen einen solchen Blick zur Wehr setzt.

Im Deutschland der männlichen Pop-Autoren kann Intellektualität, Schönheit und politischer Aktivismus immer noch nicht zusammen gebracht werden; ist es immer noch ein Widerspruch; geht nur das eine oder das andere; ohne als Provokation zu gelten. Und ohne die Inhalte zu entschärfen. Und diesen Widerspruch versucht der Diezi jetzt mal aufzulösen. Like Punk never happened.

Genau von solchem Denken handeln übrigens die Inhalte von Pussy Riot, die sich lustigerweise ebenso an Simone de Beauvoirs “das andere Geschlecht” abgearbeitet haben wie an Judith Butlers “Das Unbehagen der Geschlechter.”

Was sagen die Herren mit diesem Denken in altmodischen Dichotomien eigentlich über ihr eigenes Spiegelbild?

Nadeschda Tolokonnikowa ist also sexistisch, weil sie einen Busen hat? Und sie dreht das alles irgendwie um. Soweit sind wir schon, gell? Dass die sexy Frauen* da irgendwas umdrehen, fürs Politischsein und so. Warum nicht gleich das T-Shirt? Ein Sexismus, den sie allerdings, weil sie ja eine “sexy Revolutionärin” ist, gegen die Männer* richtet. Hahaha.

Sie, “die Hübsche.” Sie, die Hure, die Heilige und die Hübsche.

Als ob die anderen beiden - Jekaterina Samutsewitsch und Marija Alechina - nicht auch hübsch wären; als ob “hübsch” nicht sowieso Geschmackssache wäre; vor allem aber, als ob „hübsch“  als Kriterium nicht Herrschaftsinstrument zur Kategorisierung und Klassifizierung von Menschen  wäre (was Diez weiß, deshalb benutzt er dieses Kriterium, “auch wenn es sexistisch ist”, wie er im Spiegel Print selbst einräumt, ach, der Diez mit seinen vollen Lippen und seinen großen Augen…), dient das Hervorheben der “Hübschen” nur dem einen Ziel: bisschen Unfrieden schaffen unter den Weibern, sich ein bisschen bei den Männern* einschleimen, die er so gut versteht, der Diez, die Einzelfrau wieder aus dem Kollektiv herauslösen, weil Protest, der von mehr als einer Frau* kommt, von Georg Diez & Seinesgleichen, scheinbar als unglaubliche Bedrohung empfunden würde. Wo einem auch die Lust an der Analyse des Phänomens vergehen würde. Merke: die Frau* dient nur der Lustbefriedigung. Leider muss man solche 1950er Jahre Analysen im deutschen Aggro-Jetzt wieder bringen; auch wenn man dachte, das sei zu banal, um es nochmal auszusprechen.

Die “eine” Frau* halten sie nämlich vielleicht gerade noch aus, wenngleich sie sich dieses Aushalten schon verdammt arg zugute halten müssen. Weil, es könnte ja „ihre Frau*“ sein oder werden  (das Denken in politischen Kriterien muss logischerweise aussetzen, wenn „Frau*“ ins Spiel kommt, da muss noch so`n total angenehmer privater Flair rein - „meine Meinung” -), und sei es nur als Lustobjekt oder als ewig unerfüllte Sehnsucht nach der “noch besseren Ehefrau”.

Sobald es mehrere (zwei, drei) oder viele (zehn und mehr)  Frauen* sind, wie im Falle von Pussy Riot, müssen die Ladies erst ihrer Kollektivität beraubt werden, um nicht in der zerbrechlichen Seele des Mannes* (oder sollen wir sagen: Männleins?) erheblichen Schaden anzurichten (wohlgemerkt, betrifft dies gerade die Männer*, die immer im Rudel auftauchen, Punkrock verehren, sich als Teil einer männlichen Popliteratur fühlen oder schicke Feuilleton-Stammtischbrüderschaft als völlig selbstverständlich empfinden; Männleins wie Diez halt. Es sind ja nicht unbedingt nerdige Einzelgänger, die die Frau* immer wieder nur als “Einzelfrau” isolieren wollen. Selbst wenn, wie im Falle Pussy Riot, die Band mehr als 10 weibliche Mitglieder hat. Was einer wohldurchdachten feministischen Strategie folgt,die es zu durchkreuzen gilt. Was ja genau der Grund ist, warum sie Bands, die aus mehr als ein oder zwei Frauen* bestehen, immer wieder ins Verhör nehmen und ins Aus treiben müssen).

Das Regime Putin hat dem feministischen Kollektiv Pussy Riot die Sturmhauben vom Gesicht genommen, drei von ihnen in einen Käfig gesteckt, und die Medien hauen noch n bisschen “Germanys Next Topmodel” rein, weil sie mit emanzipierten Frauen*, die sich über mehr als ihr Aussehen und ihre Abgrenzung zu anderen Frauen* definieren, einfach nicht zurecht kommen.

Na, ja, wer nach 20 Jahren die Riot Grrrl-Bewegung entdeckt, hat halt viel nachzuholen und nachzuwichsen. Wie wärs mal mit Respekt vor den Inhalten und Zielen? Und nicht schon wieder mit nem neuen praktizierten Sexismus? Und dass man Leute, die geile Sachen machen, geil findet & geil finden darf, ist sowieso Pop-Praxis seitdem es Popmusik und Rock`n Roll gibt.

Was soll daran neu sein, dass junge Menschen mit (pop-)revolutionärem Potential toll aussehen?

Überdies ist es völlig falsch zu glauben, dass der bunte Kleidungsstil von Pussy Riot sich gegen die “Masse” der russischen Frauen richtet. Überhaupt, scheinbar müssen die Freundinnen der Nacht hier mal wieder billigsten Nachhilfeunterricht für hochbezahlte Feuilleton-Seppeln geben: Feminismus und Solidarität bedeutet nicht, Stellung gegen Frauen* zu beziehen, sondern für Frauen*!

Zurück zum Kleidungsstil: Der ist so bunt, u.a. weil Pussy Riot „schwarz“ als die Farbe des Terrors empfindet und sich deshalb für einen leuchtenden bunten Style entschieden hat, der immer wieder an verschiedenen Orten wie ein friedlicher, schöner, vielfältiger Lichtstrahl aufleuchten kann. Das „bunt“ steht für Heterogenität, und richtet sich eben gerade nicht gegen die „dummen russischen Frauen“. Wie dumm ist eigentlich der Spiegel? Gar nicht dumm, denn sie wissen, was sie tun: den Feminismus verhindern so gut es geht. Und dabei n bisschen lechzen.

Georg Diez sollte es in Zukunft unterlassen, den Stil von Pussy Riot zu analysieren, wenn er die Zeichen der Zeit so gar nicht richtig deuten kann. Wenn Ladies neue Styles innerhalb von Pop und Subkultur kreieren- und das in diesem Fall sogar höchst politisch meinen! - dann fällt männlichen Kritikern, die sich sonst immer so in der coolen Zeichendeutung von Pop und Punk gefallen, mal wieder nur ein Busen auf, der sich unter einem bedruckten T-Shirt wölbt. Gähn. Gähn. Gähn. Und eine Masse von dummen Frauen freilich! Was soll man auch von einem Nachrichtenmagazin (Spiegel) denken, das im Zustand höchster Erregung, in den 199oern, die sogenannten Girlies als Konsum-Bewegung erfand und somit eine Riot Grrrl Bewegung zu verhindern versuchte.

Federführend damals in dieser Sache der Spiegel, dessen Autor Moritz von Uslar auch heute noch der Meinung ist, man müsse den Namen “Pussy Riot” verbieten, - was er über Twitter verbreitet - wenn man dem Schabernack ein Ende bereiten wolle.  Die Idee also, nicht die Protagonistinnen verbieten (denn der Name ist Idee). Seine Meinung. Egal -

Wie weit sind solche Denkschamata eigentlich von Putin & Cos Denkweise entfernt? Klar, die Herren Pop-Intellektuellen …

(sorry hier mal für das Plural. Wir meinen natürlich nicht alle, weil sich alle ja nicht geäußert haben. Genaugenommen haben sich nur sehr wenige geäußert, das muss man Diezi lassen. Ist ja auch nicht so wichtig, die Sache mit dem „Pussy Riot.“

Kann von deutschen Musikzeitschriften als Phänomen ja mal vergessen werden. Muss man da ja jetzt nicht anfangen Songtexte rumzuanalysieren und so. Sind ja schließlich nicht Muff Potter oder sonst ne credible Jungspankband, denen sie bei jedem Auftritt in der Provinz noch irgendeine große Subversion unterstellen. Und so.

Stattdessen schreibt die “Intro” (Monate nach der Festnahme von Pussy Riot, als es scheinbar nicht mehr anders ging, als sich diesem Phänomen anzunehmen, als popmoderne Zeitschrift, und bislang nur online) was vom „dämlichen Auftritt dieser dummen Mädchen“ (letzteres als Zitat eines wichtigen Bloggers, aber wer hat je zitiert sie seien “dumme Mädchen”?), die doch heimliche Helferinnen Putins seien, schließlich könne er durch sie beweisen, wie milde seine Urteile sind.

Als die Freundinnen der Nacht allerdings diesen Text von Uli Hufen/Thomas Venker auf der Intro-Webseite entdeckten, da haben sie nicht mehr gelacht, sondern zur Abwechslung mal geheult. Nicht nur, weil sie selber einmal an diese Zeitschrift geglaubt haben, und in Folge dessen mehrere Jahre dafür schrieben. ( Nicht zuletzt über Riot Grrrl und die Folgen). Was allerdings, ein Glück, schon ein paar Jahre her ist.

Dass sich jetzt (symbolisch gesprochen) ausgerechnet die deutschen Musikzeitschriften (in der Tradition von Punkfanzines gestartet), als Helfer Putins entpuppen würden, das hätten sich die Freundinnen der Nacht dann doch nicht alpträumen lassen.

Das muss man dem Volllippendiez dann immerhin lassen, im Gegensatz zu solchen Äußerungen von ehemaligen Punkfanzineschreibern und männlichePunkrockbandsHypern, findet er Pussy Riot immerhin gut. Das ist schon eine ganze Menge wert, in Angesicht der vereinigten Pop-Patriarchen, um die es hier geht.

Da versteht man wieder, warum die amerikanische Riot-Grrrl-Bewegung, in deren Tradition sich Pussy Riot sieht, einst angetreten ist, um vor allem eins zu bekämpfen: den männlichen Machismo im Punk, im Pop und in der Subkultur!

Da ist hierzulande ja noch erstaunlich viel zu tun, wenn gerade aus diesen Reihen jetzt so viel Hass gegen Pussy Riot aufflammt. Und dann auch noch mit der Begründung, dass es eh banal ist, sich damit zu solidarisieren. Nee, sooo banal ist es offensichtlich doch nicht… Sorry!

Aber verzeihen wir der Intro, dass sie diesen Pussy Riot nicht ausreichend analysiert und begriffen hat, es gab ja kein Geld von einer Plattenfirma dafür. Und keinen Umsonstflug nach Russland. Und wo`s nichts umsonst gibt, da berichtet das Umsonstmagazin scheinbar nur widerwillig bis gehässig. Man muss ja schließlich von was leben.

Seit 10 Jahren deutet die Intro in fast jede ästhetische Aussage einer Band noch irgendetwas Politisches hinein, was ja nicht unbedingt falsch sein muss. Und immerhin auf utopistisches Potential schließen lassen könnte. Aber nun, da es sich mal nicht um (pseudo)sozialkritischen Pop, sondern um politische Kunst und Performance handelt, die mit dem Ernst macht, was die Goldenen Zitronen immer nur wollten; nämlich “die Regierung stürzen” (oder zumindest in arge Bedrängnis bringen. Eine Wirkung von Pussy Riot, die Schorsch Kamerun/Goldene Zitronen ihnen im Spiegel immerhin zugesteht, wenn auch ” fast mit Neid”… Das möchtest du nicht erleben, Schorsch. Wie neidisch kann man eigentlich noch sein?) , dann fehlen wohl die Euros von der Plattenfirma, um auch in dieses „Produkt“ noch irgendeinen Emanzipationswillen reinzudeuten, was? Lustigerweise hat die Intro dann den Sony-Chef in Russland zu Pussy Riot befragt, irgendwo kommt halt doch noch Geld von der Industrie rein. Dennoch konnte der Pussy Riot leider nur als dummer Klein-Mädchen-Scheiß interpretiert werden, der die Kämpfe der russischen Oppositionellen um Monate zurückgeworfen habe. Weil es jetzt darum ginge, eine paar “hübsche, wilde” Mädels zu befreien (die ja freilich selber dran Schuld sind ,wenn sie verhaftet werden) und gar nicht mehr um so geile Systemkritik und so.  Und dann musste die Intro auch noch das dümmste aller Argumente auspacken, zumal wenn es von Redakteuren einer Popzeitschrift kommt; die Pussys haben das doch nur gemacht um weltberühmt zu werden! Na klar! Deshalb machen das auch so viele, und demnächst ersetzen Pussy Riot Aktionen in Moskau die beliebten Castingshows. Da wussten die Herren auf einmal Bescheid. Aber stopp stopp, das sind nicht die Foo Fighters…

Man muss leider sagen, dass der Onlineartikel von der Intro dann schlimmer war als der in jeder anderen deutschen Zeitung/Zeitschrift (inkl BILD). Und das mag was heißen. Spätestens als der Sony-Typ dann in dem Interview sagte, dass die meisten Künstler bei Sony und überhaupt die meisten Musiker in Russland, überhaupt nicht politisch denken - und viel zu resigniert seien, um ihre Meinung zu äußern oder etwas an diesem Land zu ändern - hätte die Intro ja nochmal neu über die Sache mit der Pussy-Riot-Performance nachdenken können. Und ob das wirklich nur ein dummer Mädchenstreich war. Aber nein. NEIN!

Und: nur weil das ZDF oder die BILD über etwas berichtet, bedeutet das noch lange nicht, dass dies eine bestimmte Sorte von Pop-Avantgarde jetzt nichts mehr angeht. Nur weil du es im Mainstream sehen kannst, heißt das noch lange nicht, dass der Protest nicht wahr ist. So weit waren wir doch schon mal, bei Nirvana und so.  Mit so ner Denkweise kann man halt auch keine Regierung stürzen. Aber das wollen die Indiepunkrockanarchos ja auch gar nicht. Sie wollen ja nur die einzigen sein, die im Besitz der Punkrock oder Avantgardewahrheit sind. Die einzigen, die irgendwas begriffen haben. Dass man fast meinen mag (und das stimmt die Freundinnen der Nacht jetzt fast ein bisschen neidisch), sie wären noch nie selber von beschissenen Verhältnissen betroffen gewesen.)

Aber weiter im Text von oben. Ende der Gedankenklammer

… Die hiesigen Pop-Intellektuellen aus der Indierockszene möchten Pussy Riot nicht in den Knast stecken, nein, das nicht, sondern nur ein bisschen verbieten oder ignorieren oder verharmlosen oder der Lächerlichkeit preisgeben bzw die großen (männlichen)  Köpfe “dahinter” hochloben (und dass sie sie also nicht auch noch in den Knast wünschen, das müssen sie sich natürlich zugute halten, klaro, freier Westmann!! Banal, ey. Alles Banane.), oder- zurück zu unserem Lieblingsdiez, ihnen lieber die Kleider vom Leib reißen, als sich auf intellektueller Ebene mit ihren feministischen (und ästhetischen) Zielen und Inhalten zu beschäftigen. Seltsam nur, dass ausgerechnet die männliche deutsche Pop-Avantgarde Pussy Riot nicht als ihre Schwestern im Geiste erkannt hat - wie jeder Westernhagen und jeder Lindenberg. Deshalb? Ach Quatsch, wenn der Lindi mit dem Delay sein Ding macht, finden sie es doch auch geil. Dann ist das gar nicht Mainstream, dann sind das       (aus deren Sicht) unsere Boys, Digger.

Schlimmer noch: sie denken, sie wären bereits solidarisch, wenn sie Pussy Riot in Gedanken ausziehen. Und mal wieder den alten `68er-Text „Revolution ist sexy“ auspacken. Klar, Revolution ist so sexy wie ne schwarze Hornbrille, die vollen Lippen von Georg Diez und ein Schwanz, der sich in einer engen Jeanshose wölbt.

Herzliche Grüße, Eure Freundinnen der Nacht

P.S. Ja, ja, wir wissen, ist halt nicht leicht, wenn mal die Frauen* (bzw “die dummen Mädels”) Politik und Pop und RocknRoll (neu) definieren. Und zu Ikonen werden. Für Scharfsicht, Mut, Tapferkeit und RocknRoll stehen. Substanz haben. Durchhaltevermögen. Das hatte der German-Macho-Avantgarde gerade noch gefehlt, dass die Jugendgefährdung jetzt auch noch weiblich ist. Ein Blick ins Impressum von Musikzeitschriften genügt.

Aber was reden wir hier für n Quatsch. In Wirklichkeit sind es doch die Männer hinter Pussy Riot, die für das Spektakel verantwortlich sind. Das habt ihr schon aufgedeckt. Da seid ihr euch aber mal einig mit den russischen Machthabern, die wenn es um Madonna und Pussy Riot geht, ständig irgendwas von den “männlichen Produzenten” faseln, die irgendwo wohl noch sind. Habt ihrs immer noch nicht begriffen: Frauen* sind vollständige Menschen, die denken können. Das ist alles. Es ist ganz einfach. Es hat nur mit Gleichberechtigung zu tun. Und Demokratie. Und dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Auch, und gerade in der Kunst.

So haben sie es gelernt, und so verbreiten sie es  weiter (z.B. die Intro): hinter jeder schrillen, bunten Frau steht ein ernster Mann, der sich das alles ausgedacht hat und Jesus war ein männlicher Punkrocker. Und die Frauen sind nur Hure oder Heilige, wie gehabt, und hauptsache “hübsch”. Na, fesselt euch halt selber. In dem Fall gehts mal nicht nach euch, euch!, die Macher hinter den großen Pop-Phänomenen, hat gar keine um Erlaubnis gefragt, ob Pussy Riot Erfolg haben dürfen oder nicht. Das stinkt euch ein bisschen, was?

P.P.S. Und an den Rolling Stone/ Moritz Gathmann ergeht folgende Mitteilung:

Menschen, die aufgrund von politischer Performance in Haft sind, bitte nicht vergleichen mit Psychopathen, die in der Vergangenheit Menschen erschossen haben und sich Terroristen nennen (auch wenn letztere auch behaupteten, es wäre für die gute Sache). Denn Nadeschda Tolokonnikowas Ehemann Pjotr Wersilow ist nicht (Andreas) „Baader halt“, auch wenn er eine Lederjacke trägt und ihr nur der deutsche Rolling Stone seid und nicht über euren Tellerrand gucken könnt. Und er sitzt auch nicht in Haft, auch wenn ihr lieber den ernsten männlichen Revolutionär einer Punkband im Blitzlichtgewitter der Öffentlichkeit gesehen hättet. Dann druckt halt lieber wieder was aus dem amerikanischen Stone nach. Dort weiß man selbst die Avantgarde ein wenig besser zu deuten.

P.P.P.S. Die Freundinnen der Nacht gehen jetzt schlafen, denn es ist schon morgen, und sie sind zwei von Millionen und sie sind nicht allein.