Die Freundinnen der Nacht schreiben zum Fest der Liebe & zum Jahreswechsel über ihre Lieblingsbücher & die eine oder zwei Lieblingsplatten des Jahres 2022. Sie lächeln beim Schreiben, und werden hin und wieder auch ein bisschen wütend… 
Wer jetzt noch Weihnachtsgeschenke braucht, soll sie selber lesen!
Jedes Buch ein Thriller, eine Freiheit, eine Vernunft, ein Glück, ein Rot der Blumen, ein Punk-Gebet. Ohne diese Bücher wären eure Freundinnen der Nacht in diesem Jahr nicht so klug und nicht so glücklich gewesen! Wir nehmen sie mit nach 2023.
Und wir hören dazu The Schwarzenbach und ihr Album "Farnschiffe"(ZickZack) - die musikalische Entdeckung des Jahres! - und natürlich Pulp.
Deshalb, bevor wir zu den Büchern kommen und noch einen Adventscappuccino aus den blauen Vogeltassen trinken, noch ein paar Gedanken zur Musik:
Owen Hatherly bringt es in seinem Essay über die Gruppe Pulp so wohltuend richtig auf den Punkt: “Gute, enorm tanzbare oder musikalisch erfinderische Bands wie The Rapture oder Animal Collective wirken so wenig überzeugend, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu sagen haben - sie kommunizieren nichts, und sie sind auch nicht daran interessiert mehr zu kommunizieren als ihre eigene Leere und Grooviness. Die Annahme, dass diese Sorte Musik einen Logo-zentrischen Rockismus unterwandert, ist als Kritik getarnter Konformismus. Pulp hatten etwas zu sagen. Und das ist nicht unerheblich.” 
Auch The Schwarzenbach haben in ihrer Musik etwas zu sagen, was nicht unerheblich ist: "Besser als die Therapeuten / Helfen den getrennten Leuten / Statt im Kreis herumzuwandern / Zwei, drei Worte von den Andern / Die so wie du selber leiden: Nur die Wahrheit nützt uns beiden."
Zum Ende des Jahres hören wir auch immer noch gerne ein Album, das Anfang des Jahres, nämlich gleich im Januar, erschienen ist: “Time is a habit” von Luise Pop. Mit ihrem fragil-starken Song “Black Cat” schafften sie es sogar, die auf bunte Hunde spezialisierten Freundinnen der Nacht für schwarze Katzen zu begeistern. Erschienen ist das Zauberwerk auf Siluh Records.
Und mit dem Buch "These Glory Days" von Owen Hatherly macht Popjournalismus Sinn. Auch im Internetzeitalter ist es durchaus noch angemessen, jeden einzelnen Song einer großen Band zu beschreiben & mit Themen wie “Klasse”, “Sex” und “Urbanismus im Pop” zu verknüpfen. Endlich schreibt mal einer über die Band, die Brit-Pop die Stirn geboten hat. Owen Hatherly findet es wichtig mit Jarvis Cocker einen englischen Popsänger zu porträtieren, der Frauenfiguren mit Empathie gezeichnet hat. Dieses Buch ist zwar ein Essay, aber eine_r kann es auch als Manifest betrachten gegen den machistischen Lad wie er seit Oasis, also seit anderthalb Jahrzehnten!, auch die Indie-Szene fest im Griff hat. Aber das Geilste an diesem Buch ist, dass es mit der Akribie eines Wissenschaftlers und dem Herz eines Fans geschrieben wurde. So soll es sein. So soll es werden.
"Die Generation, die Mitte der Neunziger erwachsen wurde, war vermutlich die unpolitischste Generation des 20. Jahrhunderts. Sie hinterließ einen Scheiterhaufen, den die in den Neunzigern Geborenen nun mühsam aufräumen. Mit den Studentenprotesten gegen die liberal-konservative Regierung. Pulp waren damals die einzigen (im Brit-Pop), die an Utopien festhielten und Alternativen aufzeigten - wenngleich auch sie nicht zu mehr in der Lage waren als ihre alternativen Ideen über eine besonders mitleidslose Zeit hinwegzuretten."
Genauso kühn und genial wie ein Punk-Gebet, nur von einer komplett anderen Seite kommend und sogar noch komplizierter, ist Christoph Narholzs geglückter Versuch in "die Politik des Schönen" Kant mit Nietzsches Philosophie als “Glücksphilosophie” zu lesen. "Auch wenn Nietzsche über das Glück oft gespottet hat: Sein Mißfallen galt den kalkulierenden Lüstchen der Utilitaristen, nicht dem Prinzip (`der Mensch strebt nicht nach Glück, nur der Engländer tut das.`)" Entdeckt werden die kantischen moralischen Gefühle: Großmut, Verachtung, Dankbarkeit und Hass.” Wir lieben die Art wie hier gedacht und geschrieben wird. Es ist eine ungeheure Erweiterung des Horizonts, und toll, wie die philosophischen Worte auch Gefühlsgestalt annehmen können. Und auch für die kurzen apodiktischen Sätze sind wir sehr anfällig. Dieses Buch ist ein hybrides materialhaltiges Leuchtfeuer für ein neues Denken aus Nietzsche und Kant, Sloterdijk und Luhmann. Was von diesen schon gedacht wurde, darf hier eine solche Glücksform annehmen. Na also, Gegenwarts-Philosophie geht auch (fast) ohne Post-Strukturalismus! Sitzt zwischen allen Stühlen und trifft doch seine Punkte in einer poetischen Sprache, auch für politisches Denken & Handeln sehr spannend. Werden doch die verschiedenen Formen des Ressentiments, auch des Linken, genauestens erklärt.
Die Freundinnen der Nacht freuen sich besonders auf den 9. Januar 2023! Dann werden sie die musikalische Begleitung zur Lesung ihrer geliebten Schriftstellerin (und auch Freundin der Nacht) Marica Bodrožić sein. Im Soda Club, Berlin, erläutert uns Marica ihre persönlichen Schnittstellen von Literatur und Musik. Und wir haben die Ehre, sie dabei zu begleiten. Wer mehr über Marica erfahren möchte. Im aktuellen Zitty ist ein sehr schönes Porträt über sie. Es wird gemunkelt, dass an diesem Abend ein eigens aus dem aktuellen Bodrožić-Roman “Kirschholz und alte Gefühle” geschaffenes Lied zur Uraufführung kommt…- Auf dass ein blauer Vogel durch den Verstand fliegt!
Besonders freuen wir uns auch über das Buch der verehrten Barbara Kirchner zu Alexandra Kollontai, das wir alsbald, zusammen mit den ebenfalls fantastischen Schriften von Pussy Riot und ihren Unterstützer_innen, euch hier vorstellen werden. Ganz nach dem Motto der russischen Revolutionärin, Diplomatin und Schriftstellerin (geb 1872), die 120 Jahre vor Pussy Riot über sexuelle Krisis, Geschlechterprobleme, Moralkodex und sozialökonomische Verhältnisse folgendes schrieb: “Gegen sexuelle Krisis gibt es weder Schloss noch Riegel… Aber gerade weil die sexuelle Krisis die Interessen nicht nur der Besitzenden berührt, weil das Geschlechtsproblem auch eine so bedeutende soziale Schicht, wie das heutige Proletariat, erfasst hat, ist um so unverzeihlicher und unbegreiflicher die Gleichgültigkeit, mit der man dieser akuten und brennenden Lebensfrage begegnet.” Schreibt Alexandra Kollontai, die nicht, wie Pussy Riot, die demokratische Zivilgesellschaft will, sondern an der Revolution arbeitete.
Währenddessen wollen die Freundinnen der Nacht zu Rainald Goetz`”Johann Holtrop" heute nur einen Satz sagen (Stimme aus dem Off: bei dem es dann nicht blieb…-): 
Was kann es Schöneres und Aufregenderes geben als der Öffentlichkeit einen Roman zu schenken, der von all den Arschlöchern handelt, die uns das Leben zur Hölle machen!? What`s inside a Psychopath?
Ja, die Zeiten waren immer schon mies, und die Menschen immer schon böse, aber Goetz scheinbar noch nie so sehr diesem Aspekt des Menschen zugewandt wütend wie heute. Auch wenn er immer schon der Meinung war, dass es wichtig ist, mit dem Finger auf die zerstörerisch wirkenden Arschlöcher zu zeigen und ihre narzisstischen Methoden en detail zu benennen. Man trifft aber auch einfach zu viele Holtrops in diesen Zeiten des Dreckskapitalismus. Wir finden es kindisch und albern, wenn Rezensent_innen der Meinung sind, dass es zu den Holtrops überhaupt keine Gegenfiguren und Entwürfe in dem Buch gibt. Aber wahrscheinlich konnten sie die darin ja sehr wohl enthaltenen “Antihelden” (die zwar selten, aber doch auftauchen, Stichwort Putzkolonne) nicht als “Gegenfiguren” lesen, weil die ihnen nicht so “Neunziger-Jahre-Rave-glamourös” genug erscheinen. Aber wie dem auch sei: Werdet doch einfach selber “Gegenfiguren”. Im richtigen Leben, nicht im falschen. Das ist ungefähr so, als würde man Occupy scheiße finden, weil die Bewegung nicht so aussieht wie ein Pulp-Song klingt.
Wobei  - dieses Ressentiment gegen Occupy ist auch schal. Man denke nur zum Beispiel an den “Karneval der Empörten”, diesen sarkastischen Zehner-Jahre-DIY-Kostümumzug gegen den beißenden Neoliberalismus, der auch dieses Jahr wieder  stattfand, auch wenn es von den Medien wieder wenige mitgekriegt haben. Wie auch? Die müssen doch Bob Dylan und seine Protestsongs sezieren. Und waren nicht auch diese Rolling Stones wieder auf Tour? Und der Olli Schulz war bestimmt auch noch en vogue, und ganzganzwichtig. Wir möchten ja nicht wissen, was für ein berechtigtes Geschrei losgegangen wäre, wenn Kristina Schröder ihr Buch so genannt hätte, wie Olli Schulz sein Album: "Halts Maul, krieg `n Kind." Ach verstehe, das war Ironie, Olli!  Ironie im Stile der altmodischen “Bleib-mal-Locker-“Satire von Männern*, denen es so gar keine Ehre ist, mal über ihre eigenen Privilegien nachzudenken. V
. Können gute Menschen böse Lieder haben? Anscheinend schon. Wenn sie zehn Jahre lang ununterbrochen nebenraus und im-Stehen-Pissen. Aber den Frauen* das Wildsein und das Full-Of-Skills-Sein absprechen. Nicht mal so`n schmissiges, hittiges Liebeslied wie Culcha Candelas “Wildes Ding” haben die Hotel Van Cleefs mal hingekriegt. Die Freundinnen der Nacht sind keine Spaßverderberinnen, aber kann ihnen eine_r mal das saugute Buch "Fleischmarkt" von Laurie Penny empfehlen, für den Fall, dass sie nicht wissen, in welcher Welt sie leben.
Die Tabubrüche können doch nicht darin bestehen, auf Kosten derer zu lachen, die vom Kapitalismus (noch mehr) zur Ware gemacht werden. Wie wärs mal mit einem Joke auf Kosten der Verursacher? Anstatt Zensuren für “gutes” oder “schlechtes” Frau-Sein zu verteilen. Sie sind doch so geil “indie”, wieso verstehen sie den “Waren-Aspekt” nicht mehr, wenn er auf Geschlechterverhältnisse trifft? Wem also das glamouröse Auftreten eines Pulp-Songs wie “Common People” fehlt, ist nicht Occupy, sondern Hotel Van Cleef. Denn so einfach ist das halt nicht mit dem “Popstarding” und den “Common People”: Jarvis Cocker hatte ja kein ungebrochenes Verhältnis zur Arbeiter_innenschicht, von der einige das weibliche dandyeske Erscheinungsbild des Pulp-Sängers mit Mobbing bestraften, ein Aspekt, den man in “These Glory Days” dann auch noch erfährt.
Da wir jetzt jedes Buch dieser Bücherliste streiften, hier noch ein Satz zu Banana Yoshimotos`”Ihre Nacht”: Die Freundinnen der Nacht haben es sich natürlich am Tag des Erscheinens der deutschen Übersetzung sofort gekauft. Es ist das elfte Buch, das sie von dieser unheimlichen und romantischen, märchenhaften Ernst-Erzählerin der japanischen Literatur gelesen haben. Es ist so fantastisch wie alle anderen ihrer Bücher, vielleicht sogar ihr bestes, weil so stringentes, nur leider ist ihre Darstellung von Zwillingen, so mitreißend sie für die Handlung auch sein mag, furchtbar klischeehaft. Wieso dürfen Zwillinge in Romanen nicht einfach mal normale Menschen sein? Das macht uns traurig. Zwillinge sind keine mystischen Gestalten, die durch unheimliche Rollentausche furchterregende Dramen inszenieren, und am Ende ist immer eine_r von den beiden tot - nämlich der böse Zwilling, der aber am Anfang mal der Gute war. Oder umgekehrt. So ist das in Wirklichkeit nicht, so ist das aber immer in Romanen und Filmen, die eine ganz besondere Seelenkraft und Moral ausstrahlen wollen und auf dem Rücken aller echten Zwillinge ihre Schauergeschichtchen erzählen. Was sie nicht erzählen, ist das wirkliche Leben von Zwillingen. Weil das so “normal” ist. So ganz und gar unesoterisch.
Aber keine Angst, liebe Doctorella-Fans, wir gründen jetzt keine Sekte, mit der wir hoheitsvoll die Diskrimierung von Zwillingen bekämpfen. Obwohl eine Freundin der Nacht mal ein Buch darüber schreiben wird. Aber es gibt auch schon jetzt einen Roman, den von Marica Bodrožić nämlich, in dem Zwillinge mal anders als geheimnisumwittert, nämlich von einer unverstellten und herzlichen Sicht aus gesehen, als “doppeltes Glück” beschrieben werden. 
In diesem Sinne. Wir wünschen euch ein fröhliches Fest, es ist schon wieder drei Uhr nachts, und die Freundinnen der Nacht müssen noch viel mehr Kaffee und Schnaps trinken und lesen und über alles reden.
Und hier nun also, die Doctorella-Shortlist des Jahres 2022:
                                           *

Bücher-Biskuits zum Fest der Liebe:
"Einer Nachteule wie mir war noch lange nicht nach schlafen zumute" (Banana Yoshimoto)
"Wenn du eine Person liebst, küss sie oder lass dir was anderes einfallen, wovon ihr beide was habt - aber was immer du tust, lass die Personen, die du liebst, nie mit der falschen Gesellschaft allein." (Barbara Kirchner zu Alexandra Kollontai)
"Genossene Bevorzugung bewirkt dasselbe wie erlittene Benachteiligung: Widerstandslust, Solidarität und reflexive Unruhe; die Lust an der Gemeinheit aber verdirbt." (Christoph Narholz)
"Wir glauben … einzig und allein an die Macht der Kunst, an die Kraft der Worte, an die Macht der Liebe unserer Freunde und Nächsten - das ist alles, woran wir glauben, und im Dienste dieses Glaubens haben wir nicht mehr als unsere Lieder und Gebete" (Pussy Riot)
Barbara Kirchner zu Alexandra Kollontai - Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin (1926) (laika verlag)
Banana Yoshimoto - Ihre Nacht (Diogenes)
Christoph Narholz- Die Politik des Schönen (edition Suhrkamp)
Laurie Penny - Fleischmarkt (Nautilus Flugschrift)
Marica Bodrožić - Kirschholz und alte Gefühle (Luchterhand)
Owen Hatherly-These Glory Days (Edition Tiamat)
Pussy Riot - Ein Punk Gebet für Freiheit (Nautilus Flugschrift)
Rainald Goetz - Johann Holtrop (Suhrkamp)

Die Freundinnen der Nacht schreiben zum Fest der Liebe & zum Jahreswechsel über ihre Lieblingsbücher & die eine oder zwei Lieblingsplatten des Jahres 2022. Sie lächeln beim Schreiben, und werden hin und wieder auch ein bisschen wütend…

Wer jetzt noch Weihnachtsgeschenke braucht, soll sie selber lesen!

Jedes Buch ein Thriller, eine Freiheit, eine Vernunft, ein Glück, ein Rot der Blumen, ein Punk-Gebet. Ohne diese Bücher wären eure Freundinnen der Nacht in diesem Jahr nicht so klug und nicht so glücklich gewesen! Wir nehmen sie mit nach 2023.

Und wir hören dazu The Schwarzenbach und ihr Album "Farnschiffe"(ZickZack) - die musikalische Entdeckung des Jahres! - und natürlich Pulp.

Deshalb, bevor wir zu den Büchern kommen und noch einen Adventscappuccino aus den blauen Vogeltassen trinken, noch ein paar Gedanken zur Musik:

Owen Hatherly bringt es in seinem Essay über die Gruppe Pulp so wohltuend richtig auf den Punkt: “Gute, enorm tanzbare oder musikalisch erfinderische Bands wie The Rapture oder Animal Collective wirken so wenig überzeugend, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu sagen haben - sie kommunizieren nichts, und sie sind auch nicht daran interessiert mehr zu kommunizieren als ihre eigene Leere und Grooviness. Die Annahme, dass diese Sorte Musik einen Logo-zentrischen Rockismus unterwandert, ist als Kritik getarnter Konformismus. Pulp hatten etwas zu sagen. Und das ist nicht unerheblich.”

Auch The Schwarzenbach haben in ihrer Musik etwas zu sagen, was nicht unerheblich ist: "Besser als die Therapeuten / Helfen den getrennten Leuten / Statt im Kreis herumzuwandern / Zwei, drei Worte von den Andern / Die so wie du selber leiden: Nur die Wahrheit nützt uns beiden."

Zum Ende des Jahres hören wir auch immer noch gerne ein Album, das Anfang des Jahres, nämlich gleich im Januar, erschienen ist: “Time is a habit” von Luise Pop. Mit ihrem fragil-starken Song “Black Cat” schafften sie es sogar, die auf bunte Hunde spezialisierten Freundinnen der Nacht für schwarze Katzen zu begeistern. Erschienen ist das Zauberwerk auf Siluh Records.

Und mit dem Buch "These Glory Days" von Owen Hatherly macht Popjournalismus Sinn. Auch im Internetzeitalter ist es durchaus noch angemessen, jeden einzelnen Song einer großen Band zu beschreiben & mit Themen wie “Klasse”, “Sex” und “Urbanismus im Pop” zu verknüpfen. Endlich schreibt mal einer über die Band, die Brit-Pop die Stirn geboten hat. Owen Hatherly findet es wichtig mit Jarvis Cocker einen englischen Popsänger zu porträtieren, der Frauenfiguren mit Empathie gezeichnet hat. Dieses Buch ist zwar ein Essay, aber eine_r kann es auch als Manifest betrachten gegen den machistischen Lad wie er seit Oasis, also seit anderthalb Jahrzehnten!, auch die Indie-Szene fest im Griff hat. Aber das Geilste an diesem Buch ist, dass es mit der Akribie eines Wissenschaftlers und dem Herz eines Fans geschrieben wurde. So soll es sein. So soll es werden.

"Die Generation, die Mitte der Neunziger erwachsen wurde, war vermutlich die unpolitischste Generation des 20. Jahrhunderts. Sie hinterließ einen Scheiterhaufen, den die in den Neunzigern Geborenen nun mühsam aufräumen. Mit den Studentenprotesten gegen die liberal-konservative Regierung. Pulp waren damals die einzigen (im Brit-Pop), die an Utopien festhielten und Alternativen aufzeigten - wenngleich auch sie nicht zu mehr in der Lage waren als ihre alternativen Ideen über eine besonders mitleidslose Zeit hinwegzuretten."

Genauso kühn und genial wie ein Punk-Gebet, nur von einer komplett anderen Seite kommend und sogar noch komplizierter, ist Christoph Narholzs geglückter Versuch in "die Politik des Schönen" Kant mit Nietzsches Philosophie als “Glücksphilosophie” zu lesen. "Auch wenn Nietzsche über das Glück oft gespottet hat: Sein Mißfallen galt den kalkulierenden Lüstchen der Utilitaristen, nicht dem Prinzip (`der Mensch strebt nicht nach Glück, nur der Engländer tut das.`)" Entdeckt werden die kantischen moralischen Gefühle: Großmut, Verachtung, Dankbarkeit und Hass.” Wir lieben die Art wie hier gedacht und geschrieben wird. Es ist eine ungeheure Erweiterung des Horizonts, und toll, wie die philosophischen Worte auch Gefühlsgestalt annehmen können. Und auch für die kurzen apodiktischen Sätze sind wir sehr anfällig. Dieses Buch ist ein hybrides materialhaltiges Leuchtfeuer für ein neues Denken aus Nietzsche und Kant, Sloterdijk und Luhmann. Was von diesen schon gedacht wurde, darf hier eine solche Glücksform annehmen. Na also, Gegenwarts-Philosophie geht auch (fast) ohne Post-Strukturalismus! Sitzt zwischen allen Stühlen und trifft doch seine Punkte in einer poetischen Sprache, auch für politisches Denken & Handeln sehr spannend. Werden doch die verschiedenen Formen des Ressentiments, auch des Linken, genauestens erklärt.

Die Freundinnen der Nacht freuen sich besonders auf den 9. Januar 2023! Dann werden sie die musikalische Begleitung zur Lesung ihrer geliebten Schriftstellerin (und auch Freundin der Nacht) Marica Bodrožić sein. Im Soda Club, Berlin, erläutert uns Marica ihre persönlichen Schnittstellen von Literatur und Musik. Und wir haben die Ehre, sie dabei zu begleiten. Wer mehr über Marica erfahren möchte. Im aktuellen Zitty ist ein sehr schönes Porträt über sie. Es wird gemunkelt, dass an diesem Abend ein eigens aus dem aktuellen Bodrožić-Roman “Kirschholz und alte Gefühle” geschaffenes Lied zur Uraufführung kommt…- Auf dass ein blauer Vogel durch den Verstand fliegt!

Besonders freuen wir uns auch über das Buch der verehrten Barbara Kirchner zu Alexandra Kollontai, das wir alsbald, zusammen mit den ebenfalls fantastischen Schriften von Pussy Riot und ihren Unterstützer_innen, euch hier vorstellen werden. Ganz nach dem Motto der russischen Revolutionärin, Diplomatin und Schriftstellerin (geb 1872), die 120 Jahre vor Pussy Riot über sexuelle Krisis, Geschlechterprobleme, Moralkodex und sozialökonomische Verhältnisse folgendes schrieb: “Gegen sexuelle Krisis gibt es weder Schloss noch Riegel… Aber gerade weil die sexuelle Krisis die Interessen nicht nur der Besitzenden berührt, weil das Geschlechtsproblem auch eine so bedeutende soziale Schicht, wie das heutige Proletariat, erfasst hat, ist um so unverzeihlicher und unbegreiflicher die Gleichgültigkeit, mit der man dieser akuten und brennenden Lebensfrage begegnet.” Schreibt Alexandra Kollontai, die nicht, wie Pussy Riot, die demokratische Zivilgesellschaft will, sondern an der Revolution arbeitete.

Währenddessen wollen die Freundinnen der Nacht zu Rainald Goetz`”Johann Holtrop" heute nur einen Satz sagen (Stimme aus dem Off: bei dem es dann nicht blieb…-)

Was kann es Schöneres und Aufregenderes geben als der Öffentlichkeit einen Roman zu schenken, der von all den Arschlöchern handelt, die uns das Leben zur Hölle machen!? What`s inside a Psychopath?

Ja, die Zeiten waren immer schon mies, und die Menschen immer schon böse, aber Goetz scheinbar noch nie so sehr diesem Aspekt des Menschen zugewandt wütend wie heute. Auch wenn er immer schon der Meinung war, dass es wichtig ist, mit dem Finger auf die zerstörerisch wirkenden Arschlöcher zu zeigen und ihre narzisstischen Methoden en detail zu benennen. Man trifft aber auch einfach zu viele Holtrops in diesen Zeiten des Dreckskapitalismus. Wir finden es kindisch und albern, wenn Rezensent_innen der Meinung sind, dass es zu den Holtrops überhaupt keine Gegenfiguren und Entwürfe in dem Buch gibt. Aber wahrscheinlich konnten sie die darin ja sehr wohl enthaltenen “Antihelden” (die zwar selten, aber doch auftauchen, Stichwort Putzkolonne) nicht als “Gegenfiguren” lesen, weil die ihnen nicht so “Neunziger-Jahre-Rave-glamourös” genug erscheinen. Aber wie dem auch sei: Werdet doch einfach selber “Gegenfiguren”. Im richtigen Leben, nicht im falschen. Das ist ungefähr so, als würde man Occupy scheiße finden, weil die Bewegung nicht so aussieht wie ein Pulp-Song klingt.

Wobei  - dieses Ressentiment gegen Occupy ist auch schal. Man denke nur zum Beispiel an den “Karneval der Empörten”, diesen sarkastischen Zehner-Jahre-DIY-Kostümumzug gegen den beißenden Neoliberalismus, der auch dieses Jahr wieder  stattfand, auch wenn es von den Medien wieder wenige mitgekriegt haben. Wie auch? Die müssen doch Bob Dylan und seine Protestsongs sezieren. Und waren nicht auch diese Rolling Stones wieder auf Tour? Und der Olli Schulz war bestimmt auch noch en vogue, und ganzganzwichtig. Wir möchten ja nicht wissen, was für ein berechtigtes Geschrei losgegangen wäre, wenn Kristina Schröder ihr Buch so genannt hätte, wie Olli Schulz sein Album: "Halts Maul, krieg `n Kind." Ach verstehe, das war Ironie, Olli!  Ironie im Stile der altmodischen “Bleib-mal-Locker-“Satire von Männern*, denen es so gar keine Ehre ist, mal über ihre eigenen Privilegien nachzudenken. V . Können gute Menschen böse Lieder haben? Anscheinend schon. Wenn sie zehn Jahre lang ununterbrochen nebenraus und im-Stehen-Pissen. Aber den Frauen* das Wildsein und das Full-Of-Skills-Sein absprechen. Nicht mal so`n schmissiges, hittiges Liebeslied wie Culcha Candelas “Wildes Ding” haben die Hotel Van Cleefs mal hingekriegt. Die Freundinnen der Nacht sind keine Spaßverderberinnen, aber kann ihnen eine_r mal das saugute Buch "Fleischmarkt" von Laurie Penny empfehlen, für den Fall, dass sie nicht wissen, in welcher Welt sie leben.

Die Tabubrüche können doch nicht darin bestehen, auf Kosten derer zu lachen, die vom Kapitalismus (noch mehr) zur Ware gemacht werden. Wie wärs mal mit einem Joke auf Kosten der Verursacher? Anstatt Zensuren für “gutes” oder “schlechtes” Frau-Sein zu verteilen. Sie sind doch so geil “indie”, wieso verstehen sie den “Waren-Aspekt” nicht mehr, wenn er auf Geschlechterverhältnisse trifft? Wem also das glamouröse Auftreten eines Pulp-Songs wie “Common People” fehlt, ist nicht Occupy, sondern Hotel Van Cleef. Denn so einfach ist das halt nicht mit dem “Popstarding” und den “Common People”: Jarvis Cocker hatte ja kein ungebrochenes Verhältnis zur Arbeiter_innenschicht, von der einige das weibliche dandyeske Erscheinungsbild des Pulp-Sängers mit Mobbing bestraften, ein Aspekt, den man in “These Glory Days” dann auch noch erfährt.

Da wir jetzt jedes Buch dieser Bücherliste streiften, hier noch ein Satz zu Banana Yoshimotos`”Ihre Nacht”: Die Freundinnen der Nacht haben es sich natürlich am Tag des Erscheinens der deutschen Übersetzung sofort gekauft. Es ist das elfte Buch, das sie von dieser unheimlichen und romantischen, märchenhaften Ernst-Erzählerin der japanischen Literatur gelesen haben. Es ist so fantastisch wie alle anderen ihrer Bücher, vielleicht sogar ihr bestes, weil so stringentes, nur leider ist ihre Darstellung von Zwillingen, so mitreißend sie für die Handlung auch sein mag, furchtbar klischeehaft. Wieso dürfen Zwillinge in Romanen nicht einfach mal normale Menschen sein? Das macht uns traurig. Zwillinge sind keine mystischen Gestalten, die durch unheimliche Rollentausche furchterregende Dramen inszenieren, und am Ende ist immer eine_r von den beiden tot - nämlich der böse Zwilling, der aber am Anfang mal der Gute war. Oder umgekehrt. So ist das in Wirklichkeit nicht, so ist das aber immer in Romanen und Filmen, die eine ganz besondere Seelenkraft und Moral ausstrahlen wollen und auf dem Rücken aller echten Zwillinge ihre Schauergeschichtchen erzählen. Was sie nicht erzählen, ist das wirkliche Leben von Zwillingen. Weil das so “normal” ist. So ganz und gar unesoterisch.

Aber keine Angst, liebe Doctorella-Fans, wir gründen jetzt keine Sekte, mit der wir hoheitsvoll die Diskrimierung von Zwillingen bekämpfen. Obwohl eine Freundin der Nacht mal ein Buch darüber schreiben wird. Aber es gibt auch schon jetzt einen Roman, den von Marica Bodrožić nämlich, in dem Zwillinge mal anders als geheimnisumwittert, nämlich von einer unverstellten und herzlichen Sicht aus gesehen, als “doppeltes Glück” beschrieben werden. 

In diesem Sinne. Wir wünschen euch ein fröhliches Fest, es ist schon wieder drei Uhr nachts, und die Freundinnen der Nacht müssen noch viel mehr Kaffee und Schnaps trinken und lesen und über alles reden.

Und hier nun also, die Doctorella-Shortlist des Jahres 2022:

                                           *

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Bücher-Biskuits zum Fest der Liebe:

"Einer Nachteule wie mir war noch lange nicht nach schlafen zumute" (Banana Yoshimoto)

"Wenn du eine Person liebst, küss sie oder lass dir was anderes einfallen, wovon ihr beide was habt - aber was immer du tust, lass die Personen, die du liebst, nie mit der falschen Gesellschaft allein." (Barbara Kirchner zu Alexandra Kollontai)

"Genossene Bevorzugung bewirkt dasselbe wie erlittene Benachteiligung: Widerstandslust, Solidarität und reflexive Unruhe; die Lust an der Gemeinheit aber verdirbt." (Christoph Narholz)

"Wir glauben … einzig und allein an die Macht der Kunst, an die Kraft der Worte, an die Macht der Liebe unserer Freunde und Nächsten - das ist alles, woran wir glauben, und im Dienste dieses Glaubens haben wir nicht mehr als unsere Lieder und Gebete" (Pussy Riot)

Barbara Kirchner zu Alexandra Kollontai - Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin (1926) (laika verlag)

Banana Yoshimoto - Ihre Nacht (Diogenes)

Christoph Narholz- Die Politik des Schönen (edition Suhrkamp)

Laurie Penny - Fleischmarkt (Nautilus Flugschrift)

Marica Bodrožić - Kirschholz und alte Gefühle (Luchterhand)

Owen Hatherly-These Glory Days (Edition Tiamat)

Pussy Riot - Ein Punk Gebet für Freiheit (Nautilus Flugschrift)

Rainald Goetz - Johann Holtrop (Suhrkamp)

(Quelle: shinyirreverence, via neology)